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Der Tod als Lehrmeister für bürgerlichen Ungehorsam

Bestatter Fritz Roth kämpft um eine neue Trauerkultur

Sein Bestattungshaus am Stadtrand von Bergisch Gladbach heißt "Haus der menschlichen Begleitung" und erinnert durch Ambiente und Lage an ein gepflegtes Landhotel: Warme Farben, Stilmöbel, Bilder, Statuen, Bücher. Alles atmet Wärme und Sicherheit. Der Stil gehört zum Konzept von Fritz Roth, der "der Trauer eine Heimat geben will" und das Unternehmen vor mehr als zwanzig Jahren als "Seiteneinsteiger" übernahm. Eigentlich hatte der katholische Bauernsohn Missionar werden, wollen, schreckte aber vor der lebenslangen Bindung an das Priestertum zurück. Als erfolgreicher Diplomkaufmann und Unternehmensberater entdeckte er seine Stärke im Umgang mit Menschen, aber auch, und dass er in sich in der Wirtschaft nicht wirklich am rechten Ort fühlte. Als ihm eher zufällig das traditionsreiche Bestattungsunternehmen Pütz angeboten wurde, griff er zu und ließ sich drei Jahre lang  von dem griechischen Trauerexperten Jorgos Canakacis ausbilden.

Die herkömmlichen Kapellen, so stellte Roth schnell fest, "sind zum Abschiednehmen ungeeignet". "Das sind gekachelte Räume, wo vielleicht noch ein anderer Sarg steht, und wenn es länger dauert, steht draußen der Mitarbeiter des Bestattungshauses und wartet ungeduldig", hat er erlebt. Deshalb richtete er in seinem Haus drei wohnliche Abschiedssuiten ein. So oft sie mögen, können die Angehörigen kommen, Kinder sind dabei erwünscht. Anfangs wurde das Angebot nur zögernd angenommen, heute nutzen so gut wie alle Trauernden das Angebot. Manche kommen nur kurz, viele bleiben länger, schreiben vielleicht auf, was sie noch klären wollen, gehen ihren Erinnerungen nach, hören vielleicht noch einmal die Lieblingsmusik des Toten, verleihen ihren Gefühlen durch Malen, das Anfertigen von Totenmasken und Grabbeigaben Ausdruck, lassen ihren Tränen freien Lauf, bemalen womöglich den Sarg. Manche sehen sich vielleicht unterdrückten Gefühlen der Wut und des Grolls gegenüber, wagen es, einzugestehen, dass manches noch hätte geklärt werden müssen. Später können sie diese Gefühle in einer Trauergruppe aufarbeiten.

Wo immer es möglich ist, rät Roth den Angehörigen, zu Hause von dem Verstorbenen Abschied zu nehmen. So wie er es als Kind auf dem Bauernhof erlebt hat, wo die Toten im Wohnzimmer aufgebahrt wurden. "Wer trauert, muss die Realität des Todes mit allen Sinnen begreifen - die erkaltete Hand spüren, den Geruch wahrnehmen, der nach einiger Zeit von der Leiche ausgeht, den Verstorbenen ansehen, am offenen Sarg in Ruhe Abschied nehmen". Roth lehnt es ab, Tote zu schminken oder den Verwesungsprozess durch Austausch von Körperflüssigkeit künstlich aufzuhalten.

Auf Wunsch bringt er Tote vom Krankenhaus nach Hause, in die Wohnung zurück. Auch am Wochenende, wenn Krankenhäuser eigentlich keine Toten "herausgeben" dürfen. Überhaupt: bürgerlicher Ungehorsam und Trauer gehören für den Rebellen in Sachen Trauerkultur zusammen: "Wenn Trauer ein Ausdruck der Liebe ist, dann darf sie nicht so reglementiert werden wie bei uns üblich", sagt er. Wenn Eltern zum Abschied von ihrem toten Kind länger als die gesetzlich erlaubten 36 Stunden braucht, dann setzt Roth sich über diese Regelung hinweg. Und wenn ein totes Kind im Auto der Eltern aus der Klinik noch einmal nach Hause geholt werden soll, dann macht Roth auch das vorschriftswidrig möglich.

In seinem Bestattungshaus gibt es keine Beerdigungen nach unterschiedlichen Klassen. Die Wahl verschiedener Blumenarrangements, Kerzen, Decken und Kissen für den Sarg entfällt. "Im Tode sind alle gleich", begründet Fritz Roth. Darauf, dass es in seinem Haus keine Totenhemden zu kaufen gibt, ist er stolz: "Setzen Sie sich vor den Kleiderschrank und überlegen Sie, was der oder die Verstorbenen gern getragen hätte", sagt er den Angehörigen und gibt damit schon einen Anstoß zur Bewältigung des Verlustes.

Der häufig zu hörende Rat an Angehörige: "Behalten Sie den Verstorbenen so in Erinnerung wie er gelebt hat, stößt bei Fritz Roth auf Widerspruch. "Sehen Sie den Verstorbenen noch einmal an", ermutigt er. Auch in schwierigen Fällen. Für den Katholiken Roth ist jeder Toter so etwas wie ein Gottesbeweis: Nach einigen Stunden, so erzählt er aus vielfacher Erfahrung, liege auf dem Gesicht eines Toten ein besonderes "shining" - eine Aura des Friedens, die in vielen Menschen angesichts des Todes den Glauben wecke, dass das Leben nicht endgültig ende.

Als Bestatter will er mehr anbieten als den üblichen Service mit Einsargen, Übernahme der Formalitäten und Vorbereitung der Bestattung. So liegt sein Schwerpunkt nicht auf der handwerklichen Seite des Bestattergewerbes, sondern auf der Begleitung der Lebenden. Und darauf, das der Tod wieder Thema in der Gesellschaft wird. Für Angehörige bietet er deshalb Gesprächsgruppen an. Sogar gemeinsame Kochkurse für Trauernde gibt es. Regelmäßig lädt er öffentlichkeitswirksam zu Kunstausstellungen, Theater und Lesungen, zu Filmnächten, Kabarett und Konzerten in den großen Veranstaltungssaal des Hauses ein. So will der lebensfrohe Kunstliebhaber dazu verlocken, dass das Thema Tod nicht länger tabu ist.

Im Mai 2006 hat er im angrenzenden lichten Wald den ersten privaten Friedhof Deutschlands eröffnet. Während die Stadt Bergisch Gladbach noch gerichtlich durchsetzten will, dass die Asche der Toten ohne Urne beigesetzt werden muss, gibt es bereits 130 Urnengräber am Fuße von hohen Buchen. In den stets zugänglichen "Gärten der Bestattung" gestalten die Trauernden selbst die kleinen Grabstätten - fernab aller friedhofsamtlichen Regulierungswut, in denen andernorts Art der Bepflanzung und Größe des Grabmals penibel festgelegt werden. Eine Beisetzung kann auch am Wochenende oder gar abends Mondnacht stattfinden Der mit Kunstwerken gestaltete "Weg der Sehnsucht", führt durch das Gelände, vorbei am Kräutergarten, durch die "Schnecke der Angst", entlang am eigens angelegten Quellgrund und lädt dazu ein, den eigenen Weg durch Leben und Tod im Durchschreiten zu bedenken. Auch die bemalten Totenbretter, die Angehörige im Rahmen ihrer "Trauerarbeit" eindrucksvoll gestaltet haben, laden zum Innehalten ein. Eines allerdings gibt es in Roths Friedhof nicht: Anonyme Bestattungen. "Der Name ist Zeichen der Einmaligkeit und Würde eines Menschen", findet Roth.

"Wen in unserer Gesellschaft Mündigkeit, Verantwortung und Zusammenhalt selbstverständlicher wäre, meint Fritz Roth, " hätte ich mit meinem Angebot auf dem Markt keine Chance". So aber ist sein Konzept auch wirtschaftlich durchaus erfolgreich.

Die Kirche reagierte anfangs skeptisch. Schließlich wagt Fritz Roth sich mit seinem Angebot weit in den Bereich der Seelsorge vor. Oft übernimmt er die Grabrede bei kirchlich ungebundenen Verstorbenen oder wenn ausdrücklich kein Priester oder Pfarrer am Grab gewünscht wird. Die Familien wissen, dass sie mit den Worten eines Christen rechnen müssen. "Der Glaube ist für mich die Quelle meiner Arbeit", so Roth. Die Diozöse Köln schickt Jungpriester einen Tag lang zu ihm, damit sie bei ihm den ungefangenen Umgang mit dem Tod und die Begleitung von Trauernden lernen sollen. Auch ihnen versucht er sein Credo als Trauerbegleiter zu vermitteln: "Wenn wir wieder trauern lernen, werden wir auch wieder lachen können - und womöglich lauter als vorher. Wenn wir den Tod nicht länger verdrängen, werden wir ein neues Gespür für die Einmaligkeit und die Würde des Lebens bekommen". Und wenn Menschen lernen, sich in der Trauer nicht bevormunden zu lassen, bekommt unsere Gesellschaft vielleicht auch in anderen Bereichen die mündige Bürger, die sie braucht, so Roths Hoffnung.

Von Karin Vorländer

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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 22. Februar 2018 14:11