Gottesdienstentwürfe

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Predigt zu Psalm 90

am Ewigkeitssonntag

Liebe Gemeinde,
Es ist schwierig geworden für den Ewigkeitssonntag Lieder auszuwählen. Wir haben im Gesangbuch viele Lieder, wo es zum Beispiel heißt: "Gehab dich wohl, du schnöde Welt, bei Gott zu leben mir gefällt." Oder "Freu dich sehr, o meine Seele und vergiss all Not und Qual, weil dich nun Christus, der Herre, ruft aus diesem Jammertal.." Oder "Ich wollt, dass ich daheime wär und aller Welte Trost entbehr. Ich mein daheim im Himmelreich, da ich Gott schaue ewiglich."
Die Konfirmanden - die sind der Meinung, dass man so was heute nicht mehr singen kann. Und die mittlere, aber auch die ältere Generation schließt sich dem weitenteils an.

Aber so dichteten und dachten die Menschen früher.
So deuteten sie Sterben, Tod und Ewigkeit.

Das ist alte Lyrik, voll von Jenseits-Mystik und von der Verachtung der argen, schlimmen und bösen Welt.

Das sind wohl tatsächlich heute nicht mehr unsere Worte und diese Vorstellungen;  entsprechen auch nicht unserem Glauben.

Wer, der im Leben steht, freut sich auf seinen Tod?
Und ich bitte hier zu unterscheiden: ich frage nicht, wer freut sich auf ein Leben NACH dem Tod, sondern, wer will dieser schnöden Welt entfliehen und partout sofort alles hinter sich lassen? Wer will sterben?
Ich habe in meinem Familienkreis noch nicht davon gehört.
Und bis auf wenige Ausnahmen von Menschen, die ganz furchtbar krank waren, hieß es auch immer: "Er wollte so gerne noch leben, sie hätte das so gerne noch erlebt."

Ich glaube, mit solchen Worten, wie sie im Gesangbuch noch zu finden sind, werden das Sterben und Sterben-Müssen nicht ernst genommen, die Angst vor dem endgültigen Aus.

Und: wir wollen uns auch die Welt nicht schlechter machen lassen, als sie ist. Sie ist nicht nur ein Ort des Elends voller Jammertäler, voller Lug und Trug, Verbrechen und Sünden.
Ganz im Gegenteil: wie viel Schönes gibt es in unserer Welt, wie viel Freundlichkeit und Liebe und gute Gedanken und Mitfühlen und Erbarmen?

Für mich gehören - gerade am Ewigkeits-Sonntag - zwei Fragen zusammen. Uralte und doch immer wieder aktuelle Fragen: Erstens: "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" und zum anderen: "Gibt es ein Leben VOR dem Tod?"
Diese zweite Frage stand vor vielen Jahren als Graffiti an einer Friedhofsmauer in Nordirland. Das war in einer Zeit, als dort Autos und Menschen in die Luft gesprengt wurden, der Hass grenzenlos war und Katholiken und Protestanten Krieg gegeneinander führten.
Die Frage nach einem Leben vor dem Tod hat heute noch genauso ihr Recht. Immer noch erleben Menschen Leben als Kampf und Krieg.
Viel zu viele Leidgeprüfte suchen nach Trost, hungern nach Frieden, sehnen sich nach Liebe und Versöhnung. Viel zu viele Menschen sterben sinnlos.
Und wie viele Menschen sehen in ihrem Leben keinen Sinn, erleben ihr Leben als eine traurige, leidende Zeit?
Wie viele Menschen vergeben ihr Leben an die Vergänglichkeit, Schönheitswahn, Arbeitswahn, Machtbesessenheit, Geldgier  - und vergessen dabei ihr Leben zu leben?

Es gibt ein Leben vor dem Tod, keine Frage - und ich denke, so wie Sie hier sitzen kennen Sie auch ein Leben vor dem Tod. Ein Leben, das Sie lieb haben, das Sie gerne leben.

Aber zu dieser Frage nach dem Leben vor dem Tod gehört untrennbar auch die andere: "Gibt es ein Leben nach dem Tod?"
Und so fragen heute zunehmend mehr Menschen.
Dieses Fragen steigt auch auf aus Angst und Zweifeln, aus den Wunden und Schmerzen des Lebens.
Und es wird besonders akut, wenn ich einen Menschen loslassen und hergeben muss.
Ist mit dem Tod alles aus?
Bleiben nur Begraben und Trauer und Gewissensbisse und der Tod als die stärkste Macht im Leben?

Seit vielen Jahren gehört für mich der 90. Psalm zu jedem Sterben dazu.
Er ist überschrieben: "Zuflucht in usnerer Vergänglichkeit"
Da heißt es:
Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. / 2 Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. 3 Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! 4 Denn tausend Jahre sind vor dir / wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. 5 Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, / sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, 6 das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt. 12 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Klug ist es, die Endlichkeit des eigenen Lebens zu bedenken.
Nicht nur an Geburtstagen oder an Silvester oder bei einem Trauergottesdienst.
"Wir haben hier keine bleibende Statt", wir haben hier nur Gast-Status und sind hier nie ganz zu Hause. Wir sind Wanderer und Pilger durch die Zeit, wenn wir auf den Straßen unseres Lebens unterwegs sind.

Und das haben Christinnen und Christen zu allen Zeiten beherzigt.
Diese Klugheit haben sie an den Tag gelegt in der "Kunst des Sterbens", in der bewussten Vorbereitung auf das Ende.
Sie wehrten sich dagegen, Sterben und Tod zu verdrängen, wie das heute zu oft passiert, sie wehrten sich, die Zukunft und die Ewigkeit auszublenden.
Sie verstanden die Sterbekunst als Lebenskunst.
Die Kunst, zu sterben war auch Lebenshilfe. Aber wie sah diese Lebenshilfe aus?

Sie nahmen das Leben aus Gottes Hand. Waren dankbar. Und sie nahmen das Sterben und den Tod aus Gottes Hand.

"Wir sind mitten im Leben zum Sterben bestimmt" werden wir nachher singen.
Aber wir wissen auch, dass das Umgekehrte gilt: "Wir sind mitten im Sterben zum Leben bestimmt".
Der Tod ist ein Teil des Lebens.
Die beiden Fragen "Gibt es ein Leben vor dem Tod - und nach dem Tod?" gehören untrennbar zusammen. Um Gottes und um unsretwillen.

Wir aber sieht diese Klugheit heute aus, die Tod und Leben, Leben und Tod nicht trennt?
Wie können wir verinnerlichen, dass wir auf einem Weg sind, unterwegs sind und ein Ziel haben? Und wie sieht dieses Ziel aus?

Liebe Gemeinde,
ich hatte da mal ein Schlüsselerlebnis. So eine besondere Erfahrung, die einem plötzlich einen Schlüssel in die Hand gibt für etwas, das man vorher nicht verstanden hat.

In der Zeit, als ich Krankenhauspraktikum machte, besuchte ich einen älteren Herrn aus meiner Gemeinde. Und er fragte mich in unserem Gespräch ziemlich unvermittelt: "Frau Pastorin: Was kommt nach dem Tod?"
Ich war erschrocken, und überlegte, wie ich ihm das beschreiben sollte - in Bildern, in Ausdrücken, in Visionen und Vorstellungen?
Dann antwortete ich ihm mit einem Satz, den ich mir nicht ausgedacht hatte, der steht in der Bibel und heißt: "Wir werden bei Gott sein allezeit." (1. Thess 4,17) Er sagte nur ein Wort. Er sagte "Danke" und war zufrieden.

Einige Zeit später rief mich seine Frau wegen der Beerdigung an.

Und in dem Trauergottesdienst sprach ich von dem Frieden, den er gefunden hat.

Seit dem weiß ich: Mehr, Tieferes, Klärenderes, Sichereres können wir nicht sagen. Denn dieser Satz sagt nicht nur viel, er sagt alles.
Alles über die Ewigkeit.

Er sagt: Wie wir hier schon im Vertrauen auf den Gott des Lebens geborgen sind, so werden wir es dann auch sein, dann ganz und für immer.

Wie Gott uns hier in seiner Hand hält, so nimmt er uns auch im Sterben in seine Hände. So hat unser Leben und unser Sterben in seinen Händen Platz.

Und auch das ist wieder nur ein Bild, das unbeholfen das aussagt, was der Satz meint: "Wir werden bei Gott sein allezeit."
Darum ist unser Leben keine Irrfahrt, so vielen Irrtümern wir aufsitzen, so viel Schuld wir auf uns laden, so weit wir uns von Gott entfernen.
Irgendwann werden wir heimkehren zu dem, der die Zeit und unsere Zeit in Händen hält, weil er Anfang, Mitte und Ende der Zeit ist.

Unsere Worte und Bilder über die Ewigkeit reichen nicht aus. Bei Trauergottesdiensten wird das so manches Mal deutlich.
Unsere eigenen Worte können noch so persönlich uns liebevoll sein, aber sie sind und bleiben nur Stückwerk.

Dagegen stehen die großen Texte und starken Bilder der Bibel über und für die Ewigkeit. Sie sind Versprechen Gottes an seien Menschen.

Jeden hütet er wie einen Augapfel. Er will keinen Menschen verloren geben. Denn zu wem Gott sich im Leben bekennt, den lässt er nicht mehr los.

Ich glaube dem Versprechen "Gott wird abwischen alle Tränen" - ich und andere können dieses Versprechen nicht geben.

Und ich glaube an ein zweites Versprechen: "Einmal wird der Tod nicht mehr sein." Dieses Versprechen hat Gott mit der Auferweckung Jesu von den Toten gegeben.

Und ein drittes Versprechen: "Wir werden bei Gott sein alle Zeit." Wie das aussehen wird - ich weiß es nicht.
Ich muss es auch nicht wissen. Überlassen wir es Gott, denn sein Wille geschehe.

Diese Versprechen kommen von dem, der der größte Liebhaber des Lebens ist und der Sieger über den Tod ist. Kein menschliches Wissen und keine Erfahrung stehen dafür ein - nur Gott selbst.
Daran möchte ich mich halten, gerade weil der Tod so große Macht zu haben scheint und weil er ein so grausamer Zerstörer sein kann.
Ich will ihm nicht das letzte Wort und nicht die größte Macht auf Erden einräumen.
Sondern ich berufe mich darauf, dass Gott größer und stärker ist.
Ich möchte mich daran festhalten können, dass kein Mensch einfach begraben wird und nichts mehr kommt. Denn der ewige, gütige und barmherzige Gott will keinen von uns an das Nichts verschwenden.
Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Publikationsdatum dieser Seite: Samstag, 9. Dezember 2017 19:03