![Licht und Land VIII [(c) Angela Cremer]](/trauernetz_images/licht_und_land_viii.jpg)
Ich möchte weinen
Wie kleine Kinder weinen können, das bewundere ich. Sei es vor Schmerz, aus Wut oder Enttäuschung - sie weinen einfach drauflos. Kleine Kinder lassen viel spontaner heraus, was sie empfinden. Es kümmert sie wenig, ob Andere das nun gut finden oder nicht. Wenn sie Schmerzen haben oder etwas sie bedrückt, lassen sie zunächst einmal ihre Tränen frei fließen.
Für Erwachsene ist das viel schwieriger. Als Erwachsener ist einem zwar auch manchmal zum Weinen zumute. Aber oft genug stellt man fest, dass es irgendwie nicht geht. Irgendetwas steckt fest und verhindert, dass die Gefühle wie in der Kindheit fließen können. "Ich liege gefangen und kann nicht heraus, mein Auge sehnt sich aus dem Elend", heißt es in Psalm 88. Auf das Unvermögen zu weinen trifft dies zu: Die Sehnsucht ist da, aber die Erfüllung mag nicht kommen.
Was könnte hier helfen? Vielleicht das Hören von Musik, die mir ans Herz gewachsen ist? Oder das Betrachten eines Fotos von dem Menschen, den ich vermisse? Vielleicht brauche ich aber auch einen ganz bestimmten Ort, um meine Tränen fließen lassen zu können. Manchmal erinnere ich mich an solche Orte und an die Stimmung dort. Manchmal meide ich sie aber auch bewusst. Oft braucht das Weinen aber auch einfach nur ein Gegenüber. Jemanden, vor dem man Tränen fließen lassen kann und darf, jemanden, der einen versteht und den Schmerz mit aushält. So wie es in der Kindheit oft Menschen gab, die einen dann einfach in den Arm nahmen und bei denen man sich ausweinen durfte. Ob es für mich heute noch so einen Menschen gibt?
Vielleicht ist ja auch Gott in dieser Situation mein Gegenüber. Wie einem vertrauten Menschen, so dürfen wir auch Gott ganz offen klagen: "Ich kann nicht weinen. Ich möchte gerne und ich weiß, es würde mir gut tun - aber es geht einfach nicht." Wenn wir mit Gott reden, zu ihm beten und ihm benennen, was uns gefangen hält, mag dies manchmal ein erster Schritt sein, dass lösende Kräfte wirksam werden. Und mit Gottes Hilfe kann so manches in Bewegung kommen, zuweilen auch Tränen.
Detlev Prößdorf
