Einfallendes Licht (3. Teil) ](c) Angela Cremer]

Ich lebe mit Angst

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Psalm 22,2) Oft denke ich das und weiß nicht mehr wohin mit mir und meiner Angst.

Tod und Trauer machen mir Angst: Was wird noch kommen? Werde ich dich vergessen? Davor habe ich Angst und halte an allem fest, was mir geblieben ist: an den Fotos sowieso, aber auch an allen Kleidungsstücken, an der Zahnbürste und den letzten Kritzeleien auf dem Notizblock. Ich habe Angst, dass der Tod mir auch noch deinen Geruch, deine Stimme, deine Nähe, dein Bild raubt.

Und ich habe Angst vor den Menschen. Wie begegnen sie mir jetzt? Begreifen sie, dass ich anders bin als früher?

Meine Angst scheint allgegenwärtig. Aber ich spüre auch etwas anderes. Eine leise Stimme in mir sagt: "Traue dich ... langsam." Ja, das will ich versuchen: mich gegen die Angst trauen: mich trauen, mit der Frau auf dem Friedhof zu sprechen, die mich freundlich grüßt und wohl Ähnliches erlebt hat wie ich; ich will mich trauen, meiner Freundin von meiner Angst und meinen Fragen zu erzählen.

Und ich erinnere mich: hin und wieder, wenn ich mich das schon einmal getraut habe, ist die Angst kleiner und realistischer geworden - so wie nachts, wenn niemand da ist, den ich anrufen kann: da rufe ich Gott an und sage zu ihm: "Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer" (Psalm 22,12). Und ich rede mit Gott. Das hilft mir.

Kristiane Voll

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Publikationsdatum dieser Seite: 08.12.2011 17:48