Gedichte, Gebete & Geschichten

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Robert Gernhardt

Von viel zu viel

Ich bin viel krank.
Ich lieg viel wach.
Ich hab viel Furcht.
Ich denk viel nach:

Tu nur viel klug!
Bringt nicht viel ein.
Warst einst viel groß.
Bist jetzt viel klein.

War einst viel Glück.
Ist jetzt viel Not.
Bist jetzt viel schwach.
Wirst bald viel tot.

Robert Gernhardt in "Später Spagat" (2006)

Als Robert Gernhardt weiß, dass er sterben wird, tut er, was er immer getan hat: Er schreibt. Der humoristische, ja satirische Ton, der seine Verse früher bestimmt hat, ist da längst weg. Aber immer noch hat die Sprache etwas Spöttisches. Jetzt kehrt sich der Spott gegen ihn selbst. Der Dichter, fern jeden Selbstmitleids, aber auch frei von Selbsthass, spricht sich an: Ja, du! Klug hast du getan, warst groß, hast Glück gehabt. Und jetzt? Jetzt weißt du, dass die Klugheit nichts einbringt, jetzt bist du ebenso klein, wie du groß warst, und nach dem Glück sucht dich die Not heim. Es geht zuende mit dir, und nichts hilft gegen den Tod.

Wenn jemand anders ihm das sagen würde, wäre es eine Schamlosigkeit. Man kennt diesen pfäffischen Ton: Jetzt musst du bezahlen für deinen Stolz! Aber der Todkranke spricht ja zu sich selbst und von sich selbst, will niemand belehren. Allerdings weiß er, dass andere lesen werden, was er als Selbsterfahrung mitteilt. Ganz absichtslos also schreibt er nicht. Aber was ist seine Absicht?

Zum einen: Wer spricht - oder schreibt -, dem ist schon geholfen, selbst wenn es schlimm um ihn steht. Er kann zwar nichts ändern an seinem bösen Zustand, aber er hat schon etwas geändert, wenn er diesen Zustand beschreibt und bedenkt. Zum anderen: Er zeigt, dass es möglich ist, von dem zu sprechen, was einen bedrängt, erschreckt, in Not bringt. Reden hilft, wenn nichts mehr hilft. Es kommt nicht so sehr darauf an, was man äußert: Klage, Protest, Wutausbruch. Und auch nicht, wen man anspricht: andere Leute, Gott, das Schicksal oder sich selbst. Schon ein wortloser Seufzer ist besser als verbissenes Schweigen. "Besser", weil es menschlicher ist. Solange ich am Leben bin, werde ich nicht aufhören, mich zu äußern, aus mir hinauszugehen und Abstand zu bringen zwischen mich und das, was stärker ist als ich.

Klaus Eulenberger

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Publikationsdatum dieser Seite: Donnerstag, 22. Februar 2018 14:11