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Predigt im Gedenkgottesdienst für die Verstorbenen des Flugzeugabsturzes in Wölfersheim am 8.12.2012

von Carmen Berger-Zell

Liebe Trauernde, liebe Mitfühlende!

Es war ein wirklich schöner winterlicher 8. Dezember. Strahlend blauer Himmel, ein wenig Schnee auf den Feldern, adventliche Stimmung. Doch dann verdunkelte sich im Bruchteil eines Augenblicks der Himmel. Acht Menschen sterben. Unfassbar für uns alle. Wie konnte das passieren? Warum nur? Gerade noch war alles in Ordnung und dann dieser Alptraum. Zwei Flugzeuge stürzen vom Himmel. Bald wird wirklich, was keiner wahrhaben will: Vier Kindern und ihren Eltern kann niemand mehr helfen.
Als Notfallseelsorgerin war ich mit einem meiner Kollegen unmittelbar nach dem Absturz der Flugzeuge vor Ort. Wo wir auch hinsahen war Anspannung, keiner sprach mehr als unbedingt nötig. Wir alle hofften noch Lebende bergen zu können. Doch nach und nach wurde uns das ganze Ausmaß der Tragödie bewusst.

Und dann war es sehr still am Unglücksort. Unser Mitgefühl für die Verstorbenen und ihre Familien, unsere Ohnmacht und Fassungslosigkeit hat uns verstummen lassen.
Es gibt keine Worte für das unermessliche Leid der Angehörigen und Freunde, es gibt nur Tränen und Schmerz.
Wir, die wir heute hier zusammengekommen sind, um der Verstorbenen zu gedenken und für ihre Familien zu beten sind mit unseren Gedanken und unserm Mitgefühl bei ihnen. Einige unter uns sind Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn und Bekannte, andere wohnen hier im Ort oder in der Umgebung oder waren als Rettungskraft vor Ort. Ich denke, vielen von uns geht es in diesen Tagen wie dem Engel auf dem Bild, das sie in Händen halten. Wir fühlen uns bedrückt, geknickt, wir weinen oder uns ist danach zu mute.
So zart und verletzlich der Engel aussieht, so zart und verletzlich ist auch unser Leben. Wir spüren, wir sind verwundbar und wir spüren: Manches haben wir nicht in der Hand, manches liegt in anderen Händen. Familie Wiemker hat die Traueranzeige für ihre Verstorbenen mit einem Wort des Propheten Jeremia überschrieben:

Niemand ist der Herr seines Weges, und kein Mensch hat die Macht, den Gang seiner Schritte zu bestimmen. (Jeremia 10,23)

Nein, wir können den Gang unserer Schritte nicht bestimmen, das haben wir nicht in der Hand. Wir werden auch nicht gefragt, ob wir Abschied nehmen wollen. Uns wird diese Aufgabe zugemutet. Wie eine Last auf unsere Schulter gelegt. Unerträglich erscheint es uns, nicht mehr mit vertrauten Menschen reden zu können, mit ihnen zu lachen oder auch zu weinen.

Doch als Christinnen und Christen vertrauen wir darauf, dass wir in unserem Schmerz nicht allein sind. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns trägt, da wo uns der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Wir sind nicht allein.

Was bleibt fragen wir uns? Die Freundschaft die uns verbunden hat, sie bleibt. Die Erinnerungen an gemeinsame Stunden, Begegnungen und bewältigte Aufgaben. Was bleibt ist, das, was wir für unsere Verstorbenen empfinden. Unsere Verbundenheit, unsere und ihre Liebe werden bleiben.
Den Gang unserer Schritte haben wir nicht in der Hand, was wir aber in der Hand haben und wofür wir uns entscheiden können, ist, mit Anderen unseren Weg zu gehen und uns gegenseitig zu halten und zu stützen, dann wenn es nötig ist. Wir können Anteil nehmen und mit Angehörigen, Freunden und allen, die um die Verstorbenen trauern, ein Stück dieses schweren Weges gehen. Wir können für sie beten und Gott bitten uns allen beizustehen.

Wer trauert bleibt durch seine Liebe mit denjenigen, die nicht mehr körperlich unter uns sind verbunden. Die Liebe trägt uns in unseren Begegnungen und gibt uns Kraft.

Morgen feiern wir den 3. Advent. Bald ist Weihnachten, das Fest an dem wir uns erinnern, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, um uns nahe zu sein. Ich wünsche ihnen allen, dass sie die Kraft spüren, die von dem Kind in der Krippe ausgeht. Ich wünsche Ihnen allen, dass diese Liebe, dieser Glaube und die Hoffnung, die uns Christus geschenkt hat, sie auch in diesen Tagen, die von Trauer, Mitgefühl und Not erfüllt sind, trägt. Und ich wünsche ihnen, dass der Friede Gottes sie erreicht und umhüllt. Die Liebe hört nicht auf, kommt an kein Ende. Sie bleibt und bringt uns den Himmel ein Stück näher.

Amen.

 

Dr. Carmen Berger-Zell

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Publikationsdatum dieser Seite: Samstag, 9. Dezember 2017 19:03