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Nun sich das Herz von allem löste

Jochen Klepper

  1. Nun sich das Herz von allem löste,
    was es an Glück und Gut umschließt,
    komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste,
    der du aus Gottes Herzen fließt.

  2. Nun sich das Herz in alles findet,
    was ihm an Schwerem auferlegt,
    komm, Heiland, der uns mild verbindet,
    die Wunden heilt, uns trägt und pflegt.

  3. Nun sich das Herz zu dir erhoben
    und nur von dir gehalten weiß,
    bleib bei uns, Vater. Und zum Loben
    wird unser Klagen. Dir sei Preis!

Sich lösen, sich einfinden, erhoben werden und dabei gehalten wissen. Die Verben des Liedes zeichnen einfühlsam den Sterbeprozess nach: Das Herz löst sich vom Glück und Gut der Welt, akzeptiert alles, was ihm an Schwerem auferlegt ist, findet sich ein und erfährt Trost, weil es sich in all dem von Gott gehalten weiß.

Mir ist dieses Lied von Jochen Klepper sehr ans Herz gewachsen, weil es in nur drei kurzen Strophen so treffend und tröstend sowohl den Weg des Sterbens, wie auch den der Trauer, beschreibt. Dazu ist das trinitarische Gesicht Gottes als eine Art umgedrehter Dreiklang (Heiliger Geist, Sohn und Vater) kunstvoll in die drei Strophen eingearbeitet. Die schlichte, aber beruhigend schöne Melodie von "O dass doch bald dein Feuer brennte" unterstützt den Text sehr wirkungsvoll.

Neben den sorgsam ausgesuchten Worten des Liedes beeindruckt mich besonders der Mann, der es gedichtet hat. Nur von Martin Luther und Paul Gerhardt finden sich mehr Lieder im Evangelischen Gesangbuch als von Jochen Klepper. Dennoch ist es um den 13-fach vertretenen Liederdichter, der Schmerz und Trauer in seinem Leben selbst leidvoll erfahren hat, ungewöhnlich still und seine Lebensgeschichte ist wenig bekannt.

"Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben." - So steht es in der letzten Tagebuchaufzeichnung Kleppers, die den Titel "Unter dem Schatten deiner Flügel" trägt, datiert vom 10. Dezember 1942.

Jochen Klepper hat gemeinsam mit seiner Ehefrau und deren Tochter aus erster Ehe Selbstmord begangen. Im Jahr 1931 hatte der Theologe und Schriftsteller Klepper die Jüdin Hanni Stein geheiratet, die als Witwe zwei kleine Töchter mit in die Ehe brachte. Wegen dieser Ehe erschwerten ihm die Rassegesetze der Nazis das Publizieren, es drohte die Zwangsscheidung und die Deportation von Ehefrau und einer Stieftochter. Als die Familie keinen Ausweg mehr sah, setzten sie ihrem Leben in der heimischen Küche in Berlin unter einem Bild des segnenden Christus selbst ein Ende.

In Kleppers wohl bekanntestem Lied, dem Weihnachtslied "Die Nacht ist vorgedrungen" heißt es: »Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Menschenschuld«. Das Leben Kleppers war von Dunkelheit und Nacht umgeben. Davon sprechen auch seine Lieder, die ebenso Lieder eines tiefen, wie auch angefochtenen Glaubens sind. Gott mutet Menschen auch Dunkelheiten zu. Aber im Leben wie im Sterben hat Bestand, was Klepper in "Nun sich das Herz von allem löste" so einfühlsam in Worte gefasst hat.

Ernst Fey

Text: Jochen Klepper 1941
Melodie: O dass doch bald dein Feuer brennte
Fundorte: Evangelisches Gesangbuch (EG) Nr. 532

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Publikationsdatum dieser Seite: Samstag, 9. Dezember 2017 19:06